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Unser Schulblog - Von SchülerInnen für SchülerInnen

2025-12-02

Mordlust im Alltag - Eine Auseinandersetzung mit der Gegenwärtigkeit von True Crime

Absperrband.jpgOb beim Scrollen durch Social Media, der Suche nach einer neuen Serie oder auch im Radio oder beim Podcast hören - dem “True Crime” Genre kann man heutzutage nicht entkommen. Die Anzahl an True-Crime Medien ist in den letzten Jahren immens gestiegen. Verdeutlicht wird dies beispielsweise in dem “True Crime Consumer Report” von Edison Research. 2019 waren es noch knapp 6.7 Millionen Zuhörende in Amerika; bis 2024 stieg die Zahl auf 19.1 Millionen.
Auch Streaming-Services wie Netflix veröffentlichen immer mehr Dokumentationen, Serien oder Filme, in denen True Crime Fälle diskutiert oder nachgestellt werden.
Allerdings gibt es auch viele KritikerInnen an dem True Crime Genre. Viele sind der Meinung, dass es unmoralisch sei, Entertainment aus tragischen Ereignissen zu gewinnen.

Nun stellt sich also die Frage, ist True Crime moralisch vertretbar oder doch eher fragwürdig?

Der wohl am meisten verbreitete Kritikpunkt des Genres ist die Monetarisierung und Vermarktung der Fälle. Eine Person setzt sich vor die Kamera oder das Mikrofon und beschreibt einen Mordfall, teils mit all den grausigen Details, während sie manchmal sogar Make-Up aufträgt oder etwas isst, und verdient an dem Leid anderer Unmengen an Geld…
Auch Netflix & Co. vermarkten Mordfälle, teils im Doku-Format und teils als Spielfilm oder Serien. (Ein Beispiel hierfür wäre Netflix`s “Monster” Reihe, bei der Fälle wie der von Ed Gein oder Jeffrey Dahmer nachgespielt werden).
Viele sind der Meinung, dass es unmoralisch sei, von diesen traumatischen Ereignissen zu profitieren und hinterfragen das Genre und dessen KonsumentInnen.
Im Falle der Verfilmung des “Jeffrey Dahmer” Falles, wurde schnell klar, wie bedenklich das Ganze ist. Jeffrey Dahmer war ein Serienmörder, der seine Opfer nach einem rassistischen Motiv aussuchte. In der Verfilmung dieses Falles wurden Statements der Verwandten der Opfer veröffentlicht, in denen sie beschreiben, dass sie nie um ihr Einverständnis gefragt wurden und auch nicht zustimmen, selbst als Charakter in der Serie aufzutauchen. Ein so tragisches und traumatisches Ereignis ohne Konsens der Verbliebenen und/oder Beteiligten zu veröffentlichen und davon zu profitieren (insbesondere ohne den Verbliebenen einen Teil zu überlassen) ist selbstverständlich unmoralisch und ausbeuterisch. Hier geht es ganz offensichtlich nicht um Aufklärung, sondern nur um den Profit, den Netflix macht.

Aber auch True Crime YoutuberInnen oder PodcasterInnen werden oft mit Kritik konfrontiert. Nicht nur die Monetarisierung, sondern auch das Verhalten der Hosts ist bedenklich. Sie schminken sich oder essen, während sie von den Fällen erzählen, reißen Witze, um das Ganze “etwas aufzulockern” oder berichten mit einer unsensiblen Art über die schrecklichen Ereignisse. Ernste Themen wie diese sollten objektiv, professionell und informativ verbreitet werden und von diesem unangebrachten Verhalten sollte niemand finanziell profitieren.

Allerdings werden auch die KonsumentInnen von True Crime oft verurteilt. Im Internet gibt es unzählige Foren, in denen True Crime diskutiert wird und oft kommt es dabei in aktuellen Fällen auch zu Behinderungen der Ermittlung. Vor nicht allzu langer Zeit hat ein Fall namens “Smartschoolboy9” das Internet erobert:
Ein Mann mittleren Alters veröffentlicht Videos und Bilder, in denen er sich als Schuljunge verkleidet und sehr fragwürdig verhält. Er besteht darauf, ein Schuljunge zu sein und streitet sich aktiv mit Netizens, die ihn mit der offensichtlichen Lüge und seinem besorgniserregenden Verhalten konfrontieren. Unzählige Posts, Youtube Videos und Reddit Threads wurden erstellt, um den besagten Mann zu ermitteln. Auch die Polizei öffnete angeblich eine Ermittlung und versuchte den Mann genauer zu beobachten, um zu beurteilen, ob er eine Gefahr für Kinder in seinem Umfeld darstellen könnte. Netizens gelangen an die angebliche Adresse und den Namen des Mannes und suchten ihn teils persönlich auf oder beschädigten sein Eigentum. Schnell wurde klar, dass die überwältigenden Ermittlungen von unbeteiligten Ermittlungen von der Polizei behinderten und somit kein klarer Schlussstrich zu dem Phänomen “Smartschoolboy9” gefunden werden konnte. Es scheint so, als wäre der besagte Mann vom Internet verschwunden und schnell verloren daraufhin auch Netizens das Interesse an dem Fall. Viele kritisierten den Umgang von Netizens mit dem Fall, da nun nicht klar ist, ob dieser Mann eine Gefahr darstellt oder nicht. Sie sind der Meinung, dass man die Ermittlungen an die Polizei übergeben hätte müssen, um das Ganze aufklären zu können.

Auch die Privatsphäre von Verbliebenen oder Opfern wird oft verletzt. Um an die Antworten zu gelangen, die verlangt werden, sind einige Fanatiker sogar bereit, Angehörige zu kontaktieren und zu bedrängen, um an Informationen zu gelangen, die sonst keiner hat. Hierbei wird oft vergessen, dass es sich nicht nur um eine Geschichte oder Erzählung handelt, sondern um Ereignisse, die Leuten tatsächlich passiert sind und Schäden hinterlassen haben.

Auf der anderen Seite gibt es allerdings auch viele Befürworter und Fans von True Crime. Um das Thema und die verschiedenen Fälle hat sich mittlerweile eine Community gebildet, die ständig im Austausch ist und neue Sichtweisen und Ideen zu den Fällen bringt.
Dies schweißt nicht nur Leute international zusammen, sondern hilft auch so genannte “Cold Cases” zu lösen. Oft müssen Kriminalfälle nach längerer Zeit ohne Lösung geschlossen werden. Auf Internetforen, wie z.B. Reddit, setzen sich aber Personen auf der Suche nach der Wahrheit zusammen, um diese Fälle zu lösen. Ein bekannter Fall hier ist “Graceful Doe”. 1995 hatte Eric Hager in Virginia einen Hitchhiker mitgenommen und anschließend tragischerweise einen Unfall gebaut, bei dem beide Passagiere ums Leben kamen. Eric Hager konnte identifiziert werden, die Identität des zweiten Passagiers blieb lange aber unbekannt und wurde unter dem Namen Grateful Doe bekannt. Den Namen erhielt er, da in seiner Tasche ein Konzertticket für die Band “Grateful Dead” gefunden werden konnte. Knapp 20 Jahre später fand eine Reddit-Nutzerin namens Layla Betts den Fall online und untersuchte ihn eigenständig. Sie eröffnete einen Subreddit für den Fall und konnte mit Hilfe anderer UserInnen und einer Fotorekonstruktion einen alten Bekannten des Opfers erreichen, welcher schließlich die Mutter von Jason Callahan informierte. Diese bestätigte, dass ihr Sohn 1995 verschwand, als er der Band “Grateful Dead” auf Tour folgte. Schließlich konnte auch mithilfe von DNA bestätigt werden, dass es sich tatsächlich um Jason Callahan handelte. 20 Jahre nach seinem tragischen Tod kam somit die Wahrheit ans Licht und seine Familie konnte endlich Frieden finden.

Viele weitere Fälle wurden auf ähnliche Weise im Internet gelöst. Ein weiterer bekannter Fall ist unter dem Namen “Dont fuck with cats” bekannt und wurde in einer Netflix Dokumentation verfilmt.
Ein weiterer Punkt für True Crime ist der Aufklärungsaspekt. In vielen Podcasts oder True Crime Shows werden oft karitative Organisationen und Opferverbände empfohlen. Nicht nur um Kriminalität vorzubeugen und KonsumentInnen zu informieren, sondern auch um Betroffenen einen Leitfaden zu geben und ihnen zu helfen, Organisationen zu finden, die ihnen vielleicht das Leben retten könnten.
Am wichtigsten für viele ist jedoch die Vorbeugung und der Selbstschutz, die durch True Crime gewonnen werden können. True Crime hat laut mehreren Studien eine Audienz, die zu 90% aus weiblichen KonsumentInnen besteht. Viele Frauen konsumieren True Crime, um gefährliches Verhalten in z.B. einem Partner identifizieren zu können und sich den potentiellen Gefahren wappnen zu können. Frauen und Kinder sind leider immer noch “leichtere Beute” für Kriminelle und mit Hilfe von Youtube Videos oder Podcasts können sie sich etwas vorbereiten und selbst helfen. Auch die oft  kritisierte lockere Art der YoutuberInnen etc. hilft vielen, die doch sehr schwere Kost besser zu verdauen.

Abschließend kann man also sagen, dass True Crime, wenn es respektvoll und informierend recherchiert ist, definitiv moralisch vertretbar ist und ein nützliches Tool zur Selbsthilfe und  Aufklärung sein kann. Es ist aber wichtig, vertrauenswürdigen Quellen zu folgen und kritisch gegenüber den Fällen zu bleiben, um sich eine vollständige Meinung bilden zu können.

Von LS

Frau Hagelauer - 16:30:55 | Kommentar hinzufügen

 

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